Matema

Es tut mir sehr leid, aber jetzt muss ich Euch fürchterlich neidisch machen: wir waren nämlich gerade für drei Tage in Matema und das ist – wenn man nicht so genau hinschaut – ein Paradies.

Matema liegt am Lake Malawi und dort arbeitet die „Huruma Group“, die sich um Waisen und andere bedürftige Menschen kümmert und auch ein Heilpflanzen- Projekt betreibt. Michael Mwakalo (siehe vorletzter Blogeintrag), hat uns am Samstag abgeholt. Hier in Isoko hat er noch einmal ausführlich den Garten besichtigt und mit Asikisie besprochen, welche Pflanzen besser in Isoko wachsen, welche in Matema.

Dann sind Asikisie und wir beide in sein Auto gestiegen und Richtung Matema mitgefahren. Unterwegs haben wir ein paarmal angehalten, weil Michael uns eine bestimmte Pflanze oder einen Baum zeigen wollte. Wir haben auch noch sein Haus in Ngyekye, kurz vor Matema angeschaut. Es besteht aus mehreren Gebäudeteilen um einen Hof und beherbergt junge Männer in wechselnder Anzahl. Das Haus ist als Gemeinschaftswohnraum konzipiert, dort können bedürftige junge Männer kostenfrei leben, bis sie (wieder) auf eigenen Füßen stehen können. Das System hat mich an die Sozietät Herrnhaag erinnert und gefällt mir sehr gut. Dem Haus allerdings fehlt die „weibliche Note“: der Hof steht voll mit Pikipikis und die Räume, die wir sehen konnten, waren aus meiner Sicht recht ungemütlich… Asikisie hat dort bei Michael übernachtet, was für alle eine sehr gute Lösung war.

Es war schon dunkel, als wir am „Blue Canoe Safari Camp“ (auf eine Empfehlung hin) in Matema ankamen, aber wir wurden sehr freundlich willkommen geheißen, und in unser aus Schilf und anderen Naturmaterialien gebautes Strandhaus geführt. Den nächsten Tag, den Sonntag, hatten wir uns „frei“ gewünscht und uns mit Michael und Asikisie für Montag verabredet.

Unser freier Tag begann, nach dem obligatorischen Bad im See, mit einem köstlichen Frühstück mit Obstteller, Rührei und selbst gebackenem Brot (der Besitzer ist ein Bayer aus Augsburg) unter einem schattigen Baum mit Blick auf den See.

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So eine Aussicht am Frühstückstisch sollte man immer haben

Dann haben wir uns mit unsrere Camp- Nachbarin (aus der Gegend von Heilbronn) zusammengetan und sind mit dem blauen Kanu über den See gerudert worden.

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Das Kanu aus Mango- Holz, ziemlich wackelig und sehr schwer zu starten und zu lenken, aber unser „Fahrer“ Daudi hat Arme aus Eisen!

An dem gegenüber liegenden Ufer gibt es steinige Stellen, an denen wunderschöne bunte Fische leben und wir konnten sie schnorchelnd beobacheten.

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Leider hat Stephan keinen Unterwasserschutz für seine Kamera, aber einen kleinen Eindruck bekommt man doch

Zurück sind wir dann gelaufen, an der „Uferpromenade“ entlang. Matema lebt vom Fisch, im wahrsten Sinne des Wortes: Gärten gibt es kaum und wir bekommen später erzählt, dass das Hauptnahrungsmittel Maisbrei mit Fisch oder, zur Abwechslung, Cassava- Brei mit Fisch ist. Gemüse wird kaum gegessen.

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Die Netze werden mit den kleinen Fischchen ausgebreitet und in der Sonne getrocknet

Leider hat das Paradies einige Probleme: zum einen ist das die recht einseitige Ernährung, die, laut Michael, zu gesundheitlichen Problemen führt. Zum anderen werden diese Winz- Fischchen gefischt und zum Teil zu Hühnerfutter verarbeitet. Das sind sicher nicht nur kleine Arten sondern es sind auch viele Jungfische dabei, so dass ich nicht weiß, wie lange es noch dauert, bis der See überfischt ist. Immerhin gibt es, zumindest in Matema, keine großen Fisch- Trawler, die den kleinen Fischern alles wegfischen. Ebenfalls ein Problem sind auch hier die unglaublichen Mengen an Plastikmüll, die überall rumfliegen. Das ist sehr schade, denn das Ufer ist wirklich unglaublich schön.

Eine weitere Einkommensquelle sind die berühmten Töpferwaren aus dem Dorf Kikota, das ganz in der Nähe von Matema liegt. Die Frauen sind wahre Meisterinnen in der Töpferkunst mit einfachsten Mitteln. Auf unserem Weg hat uns eine Töpferin ihr Können demonstriert

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Ohne Scheibe, nur in einer gewölbten Unterlage gedreht

Auf dem Markt in Matema haben wir frische Ananas, Mangos und Papaya zu Spottpreisen gekauft und haben im Camp mit unseren Nachbarn Käsebrot (Käse vermisse ich wirklich…) und Obst zum Mittag gegessen.

Abends sind wir in die andere Richtung am Ufer entlang spaziert bis zu einer Flussmündung ganz in der Nähe, an der es tolle Vögel zu beobachten gibt und wo Krokodile und Nilpferde leben. Ein Krokodil hat in der Ferne die Nase rausgestreckt, ist dann aber bald im Schilf verschwunden.

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Das ist ein Graufischer, eine Art Eisvogel – davon gibt es eine ganze Kolonie

Auf dem Rückweg gab es einen Sonnenuntergang, als stünde der ganze Himmel in Flammen

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Ohne Worte…

Am nächten Morgen haben wir uns (natürlich nach dem Bad im See und dem tollen Frühstück, diesmal zusätzlich mit Pfannkuchen und selbst gemachter super leckerer Schokocreme. Hatte ich schon den Espresso erwähnt?) mit Michael und Asikisie getroffen, um das, bzw. die Projekte zu besichtigen.

Vorher sind wir bei einer Trauerfamilie vorbei gegangen,deren Kinder als Halb- Waisen von dem Huruma- Projekt seit viele Jahren unterstützt werden und deshalb Michael gut bekannt sind. Die zwei Jungs, deren Mutter früh verstorben war, sind in der höheren Schule bzw. College- Ausbildung. Ihr Vater muss schon lange psychische Probleme gehabt haben. Er war seit einigen Tagen verschwunden, man hatte nur sein Boot gefunden. Es war die ganze Zeit unklar, ob er sich selbst umgebracht oder nach Malawi abgesetzt hat. Gestern Abend hat man ihn dann doch tot aufgefunden und gleich begraben. Das Grab ist direkt neben dem Haus und drei Tage lang kommen Verwandte und Freunde und sitzen bei der Familie – und müssen natürlich verpflegt werden. Deshalb ist es üblich, dass die Gäste Lebensmittel oder etwas Geld mitbringen. Dann sitzt man, nach Männern und Frauen getrennt auf Matten beieinander und es wird geredet, Karten gespielt und gegessen. Wenn Verwandte kommen die weit weg wohnen, beginnt deren drei Tage Totenbesuch, wenn sie am Haus angekommen sind. Das heißt, dass sich die ganzen Toten- Feierlichkeiten recht lange hinziehen können. Michael sagte, dass es beim Tod seiner Mutter fast 2 Wochen ging und am Schluss waren er und sein Bruder „fed up“.

Danach haben wir zuerst das Projekt- Gelände in Matema selbst besichtigt, wo es Büroräume gibt und ein Park- artiges Gelände voll mit Moringa- Bäumen. Michael träumt davon, dort ein Cafe zu eröffnen, um Kaffee und aber auch Heilkräutertees zum Ausprobieren anzubieten. Der Platz ist perfekt – das kann, mit geschickter Architektur, sehr schön werden.

Direkt dahinter gibt es ein Feld, wo er, unter anderem, Moringa- Setzlinge zieht

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Baby- Moringa

Moringa hat einen hohen Gehalt an Nähr- und Schutzstoffen und ist besonders für die Nahrungsergänzung von HIV- Infizierten und anderen Kranken, stillenden Müttern (und Mutter- Sauen, wie wir später erfahren) und kränkelnden Kleinkindern geeignet.

Als besonderes Projekt in Matema hat Michael zwei recht große Felder mit Kakao- Bäumen, die er auch kontinuierlich erweitert und deren Ernte wohl recht gutes Geld bringt – immerhin sollen 5 Leute von dem Ertrag leben können – plus das Gehalt für die Sekretärin – plus die Unterstützung der Waisenkinder.

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Die Kakao- Plantage – alles Natur, ungespritzt. Die Blätter und die Kakao- Schalen dienen als Dünger und verbessern den Boden

Auf einem der Felder, weit hinein in der Ebene hinter Matema, hat er auch noch Mais angepflanzt, der allerdings ziemlich zerfressen aussieht

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Irgendein böser Käfer frisst den Mais auf

Da auch Neem sehr gut in Matema wächst, wird Michael, auf Stephans Rat hin, mal ein Neem- Spritz- oder Düngemittel ausprobieren. Auch in diesem weit entfernten Feld werden Moringa- Setzlinge gezogen, auch wenn die Bewässerung mühsam ist:

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James, einer der Mitarbeiter, holt Wasser zum Gießen

Außerdem hat Michael noch eine Schweinezucht – auch das bringt richtig gut Geld. Wir haben die Ställe besichtigt und die Tiere sind um einiges besser gehalten, als in den meisten deutschen Ställen…

Auf den Wegen durch die Plantagen und Felder haben wir alle viel erfahren, haben uns ausgetauscht und Stecklinge und Samen von Heilpfanzen am Wegesrand eingesammelt.

Mittagessen gab es bei Michaels Vater, der als Arzt im Hospital von Matema arbeitet. Leider hat er gerade geschlafen, es wäre noch interessant gewesen, mit ihm zu sprechen.

Am nächsten Mittag haben wir uns zu viert in unserem tollen Camp getroffen und haben eine Besprechung und Planung für die nächsten Schritte gemacht: wer produziert was bis wann und wie können die Zutaten ausgetauscht werden (zum Beispiel gibt es in Matema sehr günstiges Palmöl für Salben, dafür ist das Bienenwachs für die Salbenherstellung in Isoko viel billiger). Und die wichtigste Frage nach der Erschließung von Absatzmärkten.

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Unser Besprechungs- Büro. Da macht das Arbeiten doppelt Freude!

Michael und Asikisie hatten schon vorgearbeitet und To- Do- Listen und Ideen mitgebracht. Auch die Projekte in Rungwe und Mbeya sollen mit einbezogen werden – unter einem gemeinsamen „Label“. Wir sind überzeugt, dass der Bedarf eigentlich riesig ist und hoffen, durch gute Qualität, Wissen und Erfahrung Menschen überzeugen zu können.

Jetzt werden wir mit neuem Schwung und Ideen in Isoko weiter arbeiten und sehen, ob auch hier das Heilpflanzenprojekt seine Mitarbeiter selbst finanzieren und zusätzlich noch Gewinn abwerfen kann.

Am letzten Morgen sind Stephan und ich nochmal kurz nach Sonnenaufgang zu der Flussmündung gegangen und konnten ein riesiges Flusspferd bewundern, das sein morgendliches Bad im Lake Malawi genommen hat und dann, unter einigem herzhaften Gähnen, über den Strand in sein Schilfgras- Bett spaziert ist

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Mit einem geliehenen Fernglas war alles ganz nah zu sehen
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Ein Pracht- Exemplar! Wenn man die Tiere in freier Wildbahn erlebt hat, mag man in keinen Zoo mehr gehen…

Jetzt sind wir zurück im etwas kühleren Isoko, wurden mit vielen „Karibu“ begrüßt und zu Matema ausgefragt. Unterwegs haben wir noch für etwa 70 Cent einen riesigen Sack Mangos gekauft und Ananas und Melonen, so dass die Vitamin- Versorgung für die nächste Zeit gesichert ist!

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